Lösungen gesucht: Verkehrsnetz stößt an seine Grenzen
Mobilität ist das zentrale Bindeglied in unserem Alltag. Mobilität bedeutet Teilhabe. Sei es beim Pendeln zwischen Arbeitsstelle und Zuhause oder auf dem Weg in den Urlaub oder zu Freunden. Dementsprechend verwundert es nicht, dass ein Großteil der Menschen in Südbayern mit den verschiedensten Verkehrsmitteln unterwegs ist.
Eines ist aber sowohl auf der Schiene als auch auf der Straße festzustellen: Das Verkehrsnetz stößt zunehmend an seine Grenzen. Marode Infrastruktur, zahlreiche Baustellen oder schlichtweg ein zu hohes Verkehrsaufkommen sorgen sowohl auf der Straße als auch auf der Schiene für Probleme. Hinzu kommt die große Aufgabe, immer unterschiedlichere Fortbewegungsmittel miteinander zu vereinen. Als wichtiger Verbraucherschützer und Ansprechpartner für Mobilität versucht der ADAC Südbayern, zur Lösung der immer größer werdenden Herausforderungen beizutragen. Und dabei allen Interessen gerecht zu werden: vom Umweltschutz bis hin zu den Kosten für Endverbraucher.
Marode Straßen, überlastete Bahnen, fehlende Strecken. Das deutsche Verkehrsnetz sieht sich zahlreichen Herausforderungen ausgesetzt. Wir haben mit Alexander Kreipl, verkehrs- und umweltpolitischem Sprecher des ADAC Südbayern, über die größten Probleme und mögliche Lösungen gesprochen.
Vielerorts stößt das Verkehrsnetz an seine Grenzen. Wo sehen Sie aktuell das größte Problem?
So pauschal lässt sich das nicht sagen. In den Ballungsräumen und auf den wichtigen Autobahnstrecken ist vor allem die schiere Menge an Verkehrsteilnehmern eine echte Herausforderung – während in abgelegeneren, ländlichen Regionen der schlecht ausgebaute ÖPNV zu großen Problemen führen kann. Zu dieser Ausgangslage kommt noch der allgemeine Zustand des Straßennetzes hinzu. Zum Beispiel müssen in den nächsten Jahren zahlreiche Brücken dringend saniert werden.
Welche Lösungen kann es für die Überlastungen geben?
Ein Lösungsansatz kann der gezielte Ausbau wichtiger Verkehrsmittel und zentraler Infrastrukturprojekte sein. Wenn die strukturellen Voraussetzungen geschaffen sind, lassen sich Überlastungen durch eine bessere Vernetzung verschiedener Mobilitätsformen leichter vermeiden. Wenn die multimodale Mobilität perfekt ineinandergreift, kann jedes Verkehrsmittel seine Stärken ausspielen und der Verkehrsraum gezielt entlastet werden.
Wie muss das Miteinander im Straßenverkehr zwischen den einzelnen Verkehrsteilnehmern künftig aussehen?
Die Hektik im Alltag und damit auch im Straßenverkehr nimmt stetig zu. Das führt auch dazu, dass viele Verkehrsteilnehmer gereizt, teilweise sogar aggressiv sind. Für ein echtes Miteinander brauchen wir genau das Gegenteil, nämlich Verständnis und gegenseitige Rücksichtnahme. Das würde auch für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen.
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Nein, das kann ich mir nicht vorstellen
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Ja, es gibt ja Alternativen wie Carsharing oder Mietwagen
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Ich habe schon jetzt kein eigenes Auto
Der Verkehrsraum wird zunehmend komplexer. Die Vielfalt an Fortbewegungsmitteln führt vor allem in Ballungsräumen zu Problemen – bietet aber auch Chancen. Wir sprechen mit Georg Dunkel, Mobilitätsreferent der Landeshauptstadt München.
München wächst seit vielen Jahren. Dementsprechend nimmt auch die Zahl der Verkehrsteilnehmer im Einzugsgebiet zu. Wie lässt sich das hohe Verkehrsaufkommen so steuern, dass es zu keinem Verkehrskollaps kommt?
Wir können die Straßen nicht breiter machen, als sie sind. Deshalb müssen wir den Platz, der uns zur Verfügung steht, besser nutzen. Die Fahrt mit dem privaten Auto ist für viele bequem. Leider ist das Auto aber auch das Verkehrsmittel, das den meisten Platz auf der Straße benötigt; gleichzeitig sitzen pro Fahrt durchschnittlich nur 1,4 Personen darin. In einer eng bebauten Stadt wie München sind wir deshalb bestrebt, Verkehrsmittel auszubauen, die weniger Platz benötigen und dabei mehr Menschen transportieren können: Bus, Bahn und Tram, den Radverkehr und die Shared-Mobility-Angebote. Gleichzeitig müssen alle Ziele, beispielsweise in der Innenstadt, weiter mit dem Kfz erreichbar sein, zum Beispiel für den Wirtschaftsverkehr oder mobilitätseingeschränkte Personen. Wir möchten Autos nicht aus der Stadt verbannen. Aber zum Beispiel in der historischen Altstadt, unserer guten Stube, können wir eine viel höhere Aufenthaltsqualität für die Besucher erreichen, wenn wir den Straßenraum neu verteilen, da die meisten Autos in den Parkgaragen parken und nicht endlos auf den Straßen kreisen, um einen Parkplatz zu suchen. Dieses Vorhaben gehen wir demnächst im Graggenauer Viertel an.
Seit einiger Zeit sind auch neuere Verkehrsmittel im Stadtbild unterwegs, zum Beispiel E-Scooter. Stellt die zunehmende Mikromobilität die Stadt vor besondere Herausforderungen?
In der Tat; seit der Bund die E-Tretroller 2019 genehmigt hat, sind für alle Städte und Gemeinden neue Herausforderungen entstanden. Dabei geht es vor allem um die Leihfahrzeuge, die besonders gerne von jungen Leuten genutzt werden. E-Tretroller haben Vorteile und Nachteile: Wir wissen aus einer Studie, dass die meisten Fahrten keine reinen Spaßfahrten sind, sondern für die Fahrt zur Arbeit, zur Ausbildung oder zu Freizeitaktivitäten genutzt werden. 14 Prozent aller Fahrten ersetzen eine Fahrt mit dem Auto. Besonders häufig werden die E-Tretroller in zentralen Stadtteilen oder an U- und S-Bahnhöfen abgestellt. Dort werden es dann manchmal einfach zu viele, oder sie werden unachtsam geparkt; dann stehen sie im Weg und behindern andere. Wir haben in München über 350 Abstellflächen für die E-Tretroller eingerichtet und stehen im engen Austausch mit den Anbieterfirmen, die sich freiwillig zu allerlei Maßnahmen verpflichtet haben, damit die Fahrzeuge nicht stören. Seither sind die Beschwerden zurückgegangen. Wichtig ist mir vor allem, dass sehbehinderte Personen sich nicht verletzen.
Mit steigendem Verkehrsaufkommen wächst auch die Gefahr von Unfällen. Wie lassen sich Verkehrsunfälle – gerade an Stellen, an denen verschiedene Verkehrsteilnehmer aufeinandertreffen – verhindern? Können hier bauliche Maßnahmen helfen?
Ja, durchaus. Zwei Drittel aller Getöteten und Schwerverletzten in München waren entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, sie hatten keine Knautschzone. Deshalb bauen wir die gefährlichsten Stellen, die unsere Fachleute ermitteln, systematisch um. Manchmal geht es zum Beispiel nur darum, die Sicht an einer Kreuzung zu verbessern, indem man verhindert, dass dort geparkt wird. Wir haben aber auch schon 40 sogenannte „freilaufende Rechtsabbieger“, also separate Kfz-Abbiegespuren, baulich verändert oder mit Ampeln ausgestattet, damit dort keine Unfälle mehr passieren. Aber es braucht nicht immer eine bauliche Veränderung: Bei Tempo 30 sind Unfallfolgen längst nicht so gravierend wie bei Tempo 50. In München haben wir bereits auf 72 Prozent der Straßenkilometer Tempo 30. Gerade an Zebrastreifen und vor Spielplätzen werden wir aber künftig noch mehr solcher Abschnitte umsetzen, damit vor allem Kinder sicherer im Straßenverkehr unterwegs sind. Und ich erinnere gerne an § 1 der Straßenverkehrsordnung: Im Verkehr ist ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht gefragt. Ich bin sicher: Wenn wir das alle beherzigen würden, würden deutlich weniger Unfälle geschehen.
Der Brenner ist die wichtigste Nord-Süd-Verbindung Europas. Über zwölf Millionen Pkw und knapp zweieinhalb Millionen Lkw überquerten ihn allein 2024 – Tendenz weiter steigend. Dies stellt eine große Herausforderung für die Infrastruktur dar und ist eine Belastung für Reisende, Spediteure und Anwohner. Eine Herausforderung, der man nur mit länderübergreifenden Lösungen begegnen kann. Beim ADAC Sommerempfang wurde das Thema mit Anton Mattle, dem Landeshauptmann von Tirol, diskutiert. Er skizzierte den rund 80 geladenen Gästen die Möglichkeiten und Chancen einer europaweiten Steuerung des Transitverkehrs.